Zwei Apostel tragen die Bibel und die Abendmahlskelche aus der Kirche in Esslingen Sulzgries. Ein ungewohntes Bild und ein Zeichen dafür, dass Geschichte nie aufhört: Eine der ältesten Kirchengemeinden der Neuapostolischen Kirche Süddeutschland lebt nun an anderem Standort weiter.
Es war eine der ältesten neuapostolischen Kirchengemeinden überhaupt: Die Gemeinde Esslingen-Sulzgries. Ihre Geschichte reicht bis in das Jahr 1896 zurück. Im Jahr 2022 wurde das 125-Jahr-Jubiläum der Gemeinde gefeiert.
Nach ersten Zusammenkünften in einer Privatwohnung und einer vorübergehenden Vereinigung mit der Gemeinde Esslingen von 1905 bis 1923 wurde Sulzgries wieder eigenständig. 1959 erfüllte sich schließlich der Wunsch nach einem eigenen Kirchengebäude in der Bergstraße, das über sechs Jahrzehnte als geistliche Heimat diente.
Festgottesdienst zur Entwidmung
Zum Festgottesdienst zur Entwidmung am Sonntag, 25. Oktober 2026, kam Apostel Jürgen Loy in die Gemeinde. Seine Predigt stellte das Bibelwort aus Psalm 84,6 in den Mittelpunkt: „Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln!“. Derselbe Psalm war bereits bei der Einweihung des Gotteshauses im Jahr 1959 die Predigtgrundlage gewesen.
In seinen Ausführungen erinnerte Apostel Jürgen Loy an den treuen Glaubensweg der Generationen und betonte, dass die Verbindung zu Christus und die Hoffnung auf seine Wiederkunft die eigentliche, bleibende Heimat der Gläubigen begründen. „Uns ist dieses Gotteshaus lieb geworden. Hier haben wir gebetet, Gottes Wort gehört und seine Nähe erfahren. Hier sind Erinnerungen gewachsen, die tief in unserem Herzen bleiben“, sagte der Apostel in seiner Predigt und erinnerte an viele Glaubensmütter und Glaubensväter: „Sie haben Gott vertraut, oft unter schwierigen Bedingungen.“
Stiller Auszug aus dem Kirchengebäude
Im Anschluss an die Feier des Heiligen Abendmahls vollzog sich die Entwidmung des Gotteshauses. In einem getragenen, würdevollen Moment trugen Apostel Jürgen Loy und Apostel i. R. Volker Kühnle die Altarbibel sowie die Abendmahlsgefäße feierlich und in aller Stille aus dem Kirchensaal. Damit endete die liturgische Nutzung des Gebäudes in der Bergstraße formell.
Aufbruch im Esslinger Norden
Der Abschied vom bisherigen Gebäude markiert zugleich einen Neuanfang: Das Gemeindeleben geht weiter. Bereits seit 2018 besteht eine enge Zusammenarbeit mit der Nachbargemeinde Wäldenbronn. In der zusammengeführten Gemeinde Esslingen-Nord werden die Gemeindemitglieder künftig ihre gemeinsame Glaubensheimat haben und das Gemeindeleben mit gemeinsamen Kräften weitergestalten.
Diese Gemeindechronik erklang im Gottesdienst:
130 Jahre Gemeindegeschichte Esslingen-Sulzgries – das sind Generationen von Neuapostolischen Christen, die geglaubt und gehofft, gebetet und gearbeitet haben. Heute schauen wir dankbar auf diesen Weg zurück. Zugleich nehmen wir Abschied von unserem vertrauten Kirchlein in der Bergstraße. Freude über das Empfangene und Wehmut über den Abschied haben in diesem Gottesdienst ihren Platz.
Die Anfänge reichen in das Jahr 1896 zurück. Damit zählt Sulzgries zu den ältesten neuapostolischen Gemeinden Süddeutschlands. Friedrich Stiegler, der spätere Apostel, und Diakon Joachim Prössel leisteten hier entscheidende Aufbauarbeit. Diakon Prössel hatte wegen seines Glaubens seine Arbeitsstelle im Schwarzwald verloren und war nach Stuttgart gesandt worden. Gemeinsam mit Diakon Stiegler brachte er Menschen den neuapostolischen Glauben nahe.
Im Herbst 1896 fanden die ersten Gottesdienste in der Wohnung von Carl Wilhelm Knoll in der Hohenackerstraße 14 statt. Am 10. Oktober 1897 empfingen elf Gläubige aus Sulzgries durch Apostel Georg Gustav Adolf Ruff die Heilige Versiegelung. Von Beginn an bestand eine enge Verbindung zur entstehenden Gemeinde Stuttgart.
Als die Wohnung für die wachsende Gemeinde zu klein wurde, führte der Weg nach Esslingen. Zum 1. Januar 1905 ging Sulzgries in der dortigen Gemeinde auf. Fast zwei Jahrzehnte besuchten die Sulzgrieser Glaubensgeschwister dort die Gottesdienste. Von dieser gemeinsamen Gemeinde gingen weitere Gemeindegründungen im Raum Esslingen aus.
1923 wurde Sulzgries wieder eigenständig. Zunächst versammelten sich die Glaubensgeschwister in der „Villa“ in der Gollenstraße in Krummenacker. Ab 1926 fanden die Gottesdienste im Haus des langjährigen Gemeindevorstehers Paul Merkle in der Kelterstraße 4 statt. Mehr als drei Jahrzehnte war dort das geistliche Zuhause der Gemeinde.
1959 erfüllte sich schließlich der Wunsch nach einer eigenen Kirche. Nach nur siebeneinhalb Monaten Bauzeit wurde das Gotteshaus in der Bergstraße durch Bischof Ernst Holder geweiht. Die Gemeinde zählte damals 90 Mitglieder. Über der Einweihung stand das Psalmwort: „Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!“ 1971 wurde die Kirche umgestaltet und modernisiert.
Wie viel Leben hat dieses Haus seither erfüllt! Hier wurde Gottes Wort verkündigt, wurden Sakramente gefeiert und Menschen im Glauben gestärkt. Hier erklangen Gebete und Lieder; hier fanden Gläubige Trost, Orientierung und Gemeinschaft. Dankbar denken wir an die Vorsteher und Amtsträger, an Sängerinnen und Sänger, an alle Glaubensgeschwister und an die vielen stillen Dienste, die das Gemeindeleben getragen haben.
Seit 2018 vertiefte sich die Zusammenarbeit mit der Nachbargemeinde Wäldenbronn. Gemeinsame Gottesdienste, Seelsorge, Chorarbeit und Begegnungen ließen Gemeinschaft wachsen.
Heute danken wir vor allem Gott für seine Treue und für alles Heil und allen Segen, die Menschen hier erfahren haben. Wir erinnern uns auch an jene, die uns im Glauben vorausgegangen sind. Was sie aus Liebe zu Gott und zum Nächsten eingebracht haben, wirkt weiter.
Der Abschied von diesem Haus ist ein Einschnitt auf unserem gemeinsamen Glaubensweg. Mitten in den Abschied hinein spricht derselbe Psalm, der bei der Einweihung erklang: „Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln!“ (Psalm 84,6). Im Vertrauen auf Gottes Begleitung gehen wir weiter – verbunden miteinander und in der lebendigen Hoffnung auf die Wiederkunft Jesu Christi.