Am 11. und 12. Oktober trafen sich Teilnehmende aus 45 Städten zur 9. Jahrestagung des Bundeskongresses der Räte der Religionen in Stuttgart. Unter dem Thema „Religion – Bedrohung oder bedroht?“ setzte sich der Kongress mit der Rolle von Religion in unserer Gesellschaft auseinander.
Musikalisch umrahmt wurde der Abend von dem interkulturellen Ensemble TRIMUM unter der Leitung von Alon Wallach. Musikerinnen und Musiker verschiedener Religionsgemeinschaften gestalteten gemeinsam drei musikalische Beiträge, in denen Lieder aus ihren jeweiligen Traditionen miteinander verbunden wurden. Eine wichtige Grundlage dafür war die Geschichte von Zenita Subasic von der Islamischen Gemeinde, die von ihrer Flucht vor dem Krieg in Bosnien erzählte. Eindrücklich schilderte sie, wie sie als junge Frau Angst und Misstrauen überwinden konnte und erkannte, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind.
So erklangen unter anderem „Da Pacem Domine“ aus der katholischen Tradition, „Shalom Aleichem“ aus der jüdischen Gemeinde und „Frieden in der Angst der Welt“ aus der Neuapostolischen Kirche. Hinzu kam ein neu getexteter Bach-Choral der evangelischen Kirche mit dem Titel „Wie schön ist es, wenn Fremdheit weicht“ sowie musikalische Beiträge der alevitischen Gemeinde.
Auch die weiteren Redebeiträge wurden musikalisch begleitet. Zum Abschluss sangen alle gemeinsam – einschließlich des Publikums – „Kol Ha Olam Kulo“. Das Lied erinnert daran, dass die ganze Welt eine schmale Brücke ist und es vor allem darauf ankommt, keine Angst zu haben.
Musik als gemeinsame Sprache
Das interkulturelle Ensemble probte das gesamte Wochenende gemeinsam. Neben der musikalischen Arbeit stand dabei vor allem das gegenseitige Kennenlernen im Mittelpunkt. Das wurde schon im Alltag deutlich: Neben Deutsch wurde vor allem Französisch gesprochen. Musiker des Festivals „Les Sacrées Journées“ waren eigens für das Wochenende angereist. Bereichert wurde das Ensemble durch professionelle Musiker: Kinan Alzouhir (Gesang, Syrien), Mazen Mohsen (Oud, Syrien), Khadija El Afrit (Kanun, Tunesien), Isabelle Marx (Gesang, Frankreich) und Richard Doust (Klavier, Frankreich). Die Gesamtleitung hatte Alon Wallach (Gitarre, Israel).
Die Lieder wurden auf eine besondere Weise erarbeitet: Jede Religionsgemeinschaft brachte ihre eigenen Lieder ein, die anschließend vom gesamten Chor gemeinsam gesungen wurden. So konnten innerhalb kurzer Zeit mehr als 15 Stücke einstudiert werden.
Dabei gab es musikalisch viel Neues zu entdecken. Dazu gehörte beispielsweise der Ton Sikah, ein Viertelton zwischen D und Es, der in der arabischen Musik eine wichtige Rolle spielt. Auch sprachlich war Vielfalt gefragt: Gesungen wurde auf Deutsch, Französisch, Türkisch, Hebräisch und Arabisch. Dafür mussten sich die Sängerinnen und Sänger zunächst mit ungewohnten Lauten vertraut machen. Ein Beispiel ist das hebräische Chet (ח), ein im hinteren Rachenraum gebildeter Reibelaut, ähnlich dem „ch“ in den deutschen Wörtern „Bach“ oder „Buch“.
Die mitreißenden Rhythmen machten es beinahe unmöglich, beim Singen stillzusitzen. Gerade bei den Proben blieb kaum jemand auf seinem Stuhl sitzen. Für manche, die mit der abendländischen Kirchenmusik vertraut sind, mag das zunächst ungewohnt gewesen sein. Doch vielleicht lag genau darin eine der besonderen Erfahrungen dieses Wochenendes: Unterschiedliche musikalische Ausdrucksformen durften nebeneinander bestehen. Jeder konnte sich auf seine Weise einbringen, ohne sich verstellen oder verstecken zu müssen. Begegnung entstand nicht dadurch, dass alle gleich wurden, sondern dadurch, dass alle miteinander musizierten.
Am Samstagabend gab das Projektensemble ein Werkstattkonzert in der evangelischen Petruskirche in Stuttgart-Gablenberg. Dabei sammelten die Musikerinnen und Musiker erste gemeinsame Aufführungserfahrungen. Zugleich erhielt jede Religionsgemeinschaft die Gelegenheit, sich kurz vorzustellen. Das Publikum ließ sich von der Musik mitreißen und sang immer wieder mit – sodass es am Ende fast schwerfiel, das Werkstattkonzert für beendet zu erklären.
Begegnung über Religionsgrenzen hinweg
Der Rat der Religionen bietet für solche Projekte eine wertvolle Plattform. Der Gedanke der Ökumene, der traditionell die Einheit der christlichen Kirchen in den Blick nimmt, wird hier um die Begegnung zwischen verschiedenen Religionen erweitert. Es geht um ein friedliches Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft. Der Rat der Religionen schafft dafür Räume der Begegnung und fördert den Dialog.
Auch uns als neuapostolischen Christen ist dieser Dialog wichtig. Schließlich würde es die Neuapostolische Kirche ohne das Bemühen, unterschiedliche christliche Traditionen zusammenzuführen, gar nicht geben.
Das gemeinsame Musizieren an diesem Wochenende hat gezeigt, wie aus Fremdheit Begegnung werden kann. Menschen unterschiedlicher Religionen haben einander zugehört, voneinander gelernt und etwas Gemeinsames geschaffen, ohne ihre eigenen Traditionen aufgeben zu müssen. Was zunächst ungewohnt oder fremd erscheint, kann durch die Begegnung vertrauter werden. Vielleicht beginnt genau dort die Nächstenliebe: die Bereitschaft aufeinander zuzugehen, statt beim Trennenden stehen zu bleiben.
Doch wer ist eigentlich mein Nächster? Nur derjenige, der meinen Glauben teilt, meine Sprache spricht oder mir vertraut ist? Oder gerade auch der Mensch, dessen Religion, Herkunft und Lebensweise mir fremd sind?
Als neuapostolische Christen wollen wir ein Zeichen für Vielfalt, Nächstenliebe und ein friedliches Miteinander setzen. Wir sprechen uns ausdrücklich gegen jede Art von Gewalt, Hass, Hetze und Krieg aus. Denn der Glaube darf keine Grenze sein, die Menschen voneinander trennt. Um es mit den Worten von Michael Blume zu sagen: „Die Religion darf der Liebe nicht im Weg stehen.“