Zu Beginn des Gottesdienstes begrüßte Hans Laux, Vorsteher des Bezirk Stuttgart-Degerloch der Neuapostolischen Kirche, die in der Kirche anwesendenden ebenso wie die, mittels Telefonübertragung angeschlossenen, Gottesdienstbesucher.
Sein Willkommensgruß galt besonders auch all denen, die sich heute hier eingefunden hatten und die früher schon in Degerloch gewirkt hätten. Ursprünglich sollte Eberhard Koch, Bischof des zuständigen Apostelbereichs Nürtingen, den Gottesdienst halten. Infolge dessen Erkrankung stehe nun er in aller Ehrfurcht hier am Altar, in Ehrfurcht auch vor allen, welche hier in den letzten 100 Jahren gewirkt haben. Hans Laux berichtete kurz aus seinen persönlichen Erinnerungen, beginnend in der Jugendzeit, an Degerloch.
Für den Gottesdienst las er aus dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther "Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe. Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt hat und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat" (2. Korinther, 1, 20-22) .
Vor der eigentlichen Predigt rief der Vorsteher der Gemeinde Stuttgart-Degerloch, Jörg-Uwe Müller, noch einige Eckdaten aus der Chronik der Gemeinde ins Gedächtnis.
Nach einem musikalischen Beitrag des Streicherquartetts wandte sich Lans Laux an die Festgemeinde mit der Feststellung, 100 Jahre seien ein exzellenter Anlass zum Feiern. 100 Jahre Gemeindegeschichte sind aber auch 100 Jahre Stadtgeschichte. Er stellte die Frage: "Was haben unsere Geschwister zur Stadtentwicklung beigetragen?" Jesus Auftrag seinerzeit an das Volk war: "Seid das Salz der Erde, seid das Licht der Erde!". Salz und Licht unter die Menschen zu bringen, haben die Degerlocher Gemeindemitglieder in den zurückliegenden 100 Jahren auf hervorragender Weise gemeistert.
Was war die Mission? Glaube, Liebe. Hoffnung. Nach 100 Jahren noch würzig im Glauben zu sein, einen lebendigen Glauben zu haben, ein Licht mit klaren Vorstellungen zu sein; dass wir erleben dürfen, dass auch Glaube, Liebe und Hoffnung für uns Gültigkeit haben und dass auch wir diese Aufgabe, Salz zu sein, Licht zu sein, heute noch erfüllen dürfen. Der liebe Gott ist in diesen 100 Jahren zu seinem Wort gestanden. Es könnte die Frage aufkommen:" Ist es noch notwendig, eine Gemeinde zu haben?". Ich kann alleine beten usw. Eine Gemeinschaft ist nicht oberflächlich, alles was Gott bietet, erleben wir in der Gemeinschaft. In den vergangenen 100 Jahren kann man diese Gemeinschaft mit einem Buch vergleichen. Ein Buch wird im Tagesgebrauch sehr strapaziert. Es kann zerfleddern, oder die Seiten können auseinander fallen. Es ist uns aber eine Freude, ein Buch mit einem festen Einband zu haben. Christ zu sein bedeutet "fest eingebunden zu sein" in der Gemeinde, in dieses Buch. Manche Bücher haben einen Goldschnitt. Den sieht man aber nur am ganzen Buck. Jedes einzelne Blatt ist als Goldschnitt nicht sichtbar. Liebe Brüder, liebe Schwestern, auch du bist ein Goldschnitt. Wir mögen uns nicht als lose Blattsammlung sehen oder bezeichnen.
Wir wollen JA zur Gemeinde und zur Gemeinschaft sagen. Wenn wir das JA verwirklichen, dann müssen wir auch zu dem einen oder anderen JA sagen. Z.B. zur Zuverlässigkeit. Es ist schön, wenn wir dann in Dankbarkeit zurückschauen können. Es ist wie eine Treppe. Wir geben diesen Auftrag, eine Treppe einzubauen, an einen Handwerker. Der sagt uns zu, dass die Treppe an Weihnachten fertigt sei. Wir fragen nochmals nach und erfahren, dass es sicher Januar oder auch eventuell Februar wird, da davor sowieso nichts geht. Das kann man auch mit einer Essenseinladung vergleichen. Alles wird vorbereitet. dann kommt kurz vorher die Absage "Es tut uns sehr leid.....". Das ist ärgerlich, das ist unzuverlässig. Unzuverlässigkeit hier ist das ständige Wiederholen von Absagen.
JA zur Zuverlässigkeit. Wenn wir die Chronik lesen, dann lesen wir, wie die Knechte, Sänger oder alle Geschwister zuverlässig wie ein Uhrwerk gewirkt haben. Alle haben Zuverlässigkeit bewiesen. Vielleicht war in den vergangenen Jahren auch Genügsamkeit gefordert. Man kannst nicht alles bekommen, was man sich wünscht. Schon Apostel Paulus sagte: "Lass dir an meiner Gnade genügen.". Leider haben wir als Menschen oft Neid. Neid auf die schöne Frisur, auf die hervorragenden Begabungen unseres Kollegen, auf die finanzielle Situation anderer.
Wenn wir JA sagen zur Genügsamkeit, wenn wir mit dem zufrieden sind, mit dem was Gott uns gegeben hat, dann verschwindet der Neid.
JA zur Treue, das ist eine herausragende Eigenschaft.
JA zur Gemeinde, zu Gott - nur so ist es möglich, Gott zu gefallen. Treue spricht man allgemein Hunden zu. Friedrich der Große äußerte einmal: "Hunde haben alle guten Eigenschaften des Menschen, ohne gleichzeitig ihre Fehler zu besitzen.". Treue und gegenseitiges Vertrauen stärken und verbinden. Es ist ein geflügeltes Wort, dass alle Menschen Spitzbuben sind. Das war noch die Einstellung der letzten 100 Jahre. Diese war geprägt von großen Herausforderungen der Treue und des Vertrauens. Unter uns gegeben ist jedoch die göttliche Zusage - JA ich will mit dir sein!
In seiner Predigtzugabe brachte Jörg-Uwe Müller, Vorsteher der Gemeinde Degerloch, zum Ausdruck dass man normalerweise an solch einem Tag die mitreden lassen sollte, welche die letzten 100 Jahre miterlebt haben. Er kam nochmals auf das Salz zu sprechen. Es kann manchmal zu viel, zu versalzen, sein. Das Licht kann manchmal überraschend kommen. Wenn jemand in der Dämmerung sitzt, dann kann es störend sein, wenn jemand das Licht an macht. In dem Gedanken an die Gemeinschaft jedoch ist Licht etwas Fruchtbares. Es könne sich die Frage stellen, ob die Gemeinde auch in diesen letzten Jahren Bestand gehabt hat. Es ist immer so in einer Gemeinde, dass mache das Rad schneller drehen wollen und andere das Rad stoppen wollen, weil sie an die gute, alte Zeit denken. Wenn wir Revue passieren lassen, was die Geschwister ausgezeichnet hat, war es das "Durchhaltevermögen". Unser Gott steht zu uns! Jeder von uns schreibt diese Chronik ein Stück mit und weiter. Wir wollen JA sagen zur Zukunft. Es tut auch manchmal gut, alleine zu sein. In der Gemeinschaft Gespräche zu führen, ja gemeinsame das Ziel zu erreichen, das ist mit nichts zu vergleichen. Wir wollen dieses JA auch nach außen tragen. JA sagen zur Zukunft. Gott wird sich zu uns bekennen.
Michael Fröhlich, Vorsteher der Gemeinde Echterdingen und ehemaliger Priester in Degerloch, brachte seine Dankbarkeit zum Ausdruck, dass wir uns wieder sehen, dass wir diesen Tag gemeinsam erleben durften. Als der Vorsteher aus der Chronik gelesen hat, hatte er das Empfinden großer Ehrfurcht vor all denen, die diese Gemeinde mit aufgebaut haben. Wir heute müssen uns bewusst sein, welche Verantwortung WIR haben. Mit unseren Gaben und Fähigkeiten JA zum Opfer, JA zur Bekenntnis zu sagen. Wichtig sei, dass wir uns aufopfern für die Gemeinde. Wir wollen uns einbringen in die Gemeinde. Es gibt so viel Menschen heutzutage, die nur sich selbst sehen. Prüfen wir uns, ob wir auch den anderen sehen. Jesus Christus war uns ein Vorbild. Die Geschwister, die die Gemeinde Degerloch aufgebaut haben, hatten auch Schwierigkeiten und Gegner. Aber es ist immer weiter gegangen. Bekennen wir, was in uns steht. Wenn wir weiter im Verantwortungsvollen Miteinander sind, dann dürfen wir uns auch beim Herrn alle wieder sehen.
Hans Laux äußerte nach den Predigtzugaben noch einen Gedanken - mit dem Verweis auf ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe "Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." . Wir haben hier ein Erbe - aber auch die junge Generation solle es verantwortungsbewusst übernehmen. Mancher erbt ein Haus oder eine Firma und nimmt es als "normal" an, aber das gehe nicht immer gut. Unsere Zukunft liegt im Herrn. Wir wollen sie ererben, umsetzen, pflegen und Gemeinschaftlich fördern.
Vor der Einleitung zum Heiligen Abendmahl rief der Bezirksvorsteher noch eindringlich auf zum JA zur Sanftmut. Ein sanftmütiger Mensch ist belehrbar ohne gleich hoch zu gehen, wie eine Rakete. Das heißt, er hat die innere Kraft, die Langmut und das ist eine göttliche Eigenschaft. Ein sanftmütiger Mensch kann manche Situationen aushalten; das war auch in den letzten 100 Jahre notwendig. Gott ist nachsichtig mit dem Ungehorsam der Menschen. Wer wollte da nicht seinem Bruder, seiner Schwester mit Langmut begegnen. Im heiligen Abendmahl sollten wir nun all derer gedenken, die hier gewirkt haben. Es soll ein Gedächtnismahl sein. Wir sind Teil der Kirche Christi. Wollen wir bekennen, dass wir Christ sind, dann ist es ein Gemeinschaftsmahl. JA zur Gemeinschaft.
Nach dem Gottesdienst und einem Gemeindefoto im Kirchenschiff waren alle Anwesenden noch zu einem Weißwurstfrühstück im kleinen Saal der Kirche eingeladen.
Mit der Einsetzung des ersten Gemeindevorstehers Anfang April 1913 begann die Geschichte der eigenständigen Gemeinde der Neuapostolischen Kirche in Stuttgart-Degerloch. Grund genug für die Gemeinde, das 100jährigen Bestehen gebührend zu feiern. Bereits ein Jahr später, im Sommer 1914, wurde die erste Kirche in der Leinfeldener Straße geweiht. Zwischenzeitlich neu - auf den Fundamenten der alten Kirche - erbaut, werden an dieser Stätte seit nunmehr 99 Jahren Gottesdienste gehalten.
Im Jahr 2013 feiert die Neuapostolische Kirche gleichzeitig ihr 150jähriges Jubiläum weltweit.
Vor diesem Hintergrund wurde der Schwerpunkt der Jubiläumsaktivitäten in Degerloch ins Jahr 2014 gelegt. 100 Jahre Gottesdienst an gleicher Stelle sind schließlich auch aller Gedenken wert! Dennoch sollte dem 100jährigen Gemeindebestehen "zielgenau" am 14. April 2013 mit einem besonderen Festgottesdienst gedacht werden.